How To:Dos & Don'ts

Dos & Don'ts für Seebrücken-Demonstrationen.

Dos

  • Nutzt die Farbe Orange, damit werden wir erkannt!

  • Social Media ist ein wichtiger Ort, um die Demo bekannt zu machen! Bitte teilt und liked fleißig!

  • Es ist wichtig, das Plakatieren und Flyern fest abzusprechen und frühzeitig zu beginnen. Auch für Aufgaben während der Demo sollte es feste Absprachen und Verantwortlichkeiten geben.

  • Sprühkreide ist ein gutes Mittel, um auf eine Demo aufmerksam zu machen.

  • Bei Demos unter der Woche nicht vor 18 Uhr starten – viele müssen arbeiten!

  • Damit auch Rollstuhlfahrer*innen mitdemonstrieren können, hilft es, sich vorher über rollstuhlgerechte Toiletten entlang der Demo-Route zu erkundigen und diese zu veröffentlichen.

  • Achtet auf gesellschaftliche Positionierungen der Redner*innen – v.a. geflüchtete Menschen sollten zu Wort kommen!

  • Redebeiträge sollten nicht länger als 5 Minuten dauern.

  • Falls es ein Megaphon gibt, sollte es in der Mitte der Demo laufen, damit es möglichst viele Leute hören.

  • Sprecht Passant*innen an, informiert sie über eure Forderungen und gebt ihnen Flyer mit!

  • Es lohnt sich, während der Demo Spenden zu sammeln.

Don'ts

  • „Blackfacing“ (weiße Menschen malen sich schwarz an oder versuchen, Schwarze Menschen zu imitieren). Wird hier aufgezählt, weil es diesen Vorfall bei einer Seebrücken-Demo gab. Blackfacing ist eine rassistische Praxis, die unter keinen Umständen zu rechtfertigen ist. Wir von der Seebrücke wollen damit auf keinen Fall in Verbindung gebracht werden und distanzieren uns davon.

  • Imitation von Sterben/Ertrinken etc. Wir wollen auch bei Flashmobs auf keinen Fall den Eindruck erwecken, dass wir auch nur ansatzweise nachempfinden können, was Menschen auf der Flucht über das Mittelmeer erleben, ganz zu schweigen vom Ertrinken. Demzufolge ist es NICHT im Sinne der Bewegung, den Todeskampf nachzustellen.

  • Bildsprache mit Leichen oder Fotos von Menschen mit Fluchterfahrung, ohne dabei die Einwilligung der Individuen eingeholt zu haben. Daneben würde ein Täter*innen-Opfer-Narrativ von weißen Menschen versus Bi*PoC und Poverty Porn reproduziert werden.

Die Desintegrations-AG hat ein Statement zu Fotoausstellungen und Benutzung von Fotos in öffentlichen Aktionen/Kampagnen verfasst:

Stand 2021.
Wir als Desintegrations-AG haben in der letzten Zeit vermehrt Anfragen erhalten bzgl. der diskriminierungssensiblen Gestaltung von Fotoausstellungen zum Thema Seenotrettung und/oder Moria, beziehungsweise haben mitbekommen, dass diese Fotoausstellungen an vielen verschiedenen Orten veranstaltet werden.

Wir möchten gerne kritischen Input zu diesen Ausstellungen an die Bewegung weitergeben.

Folgender Disclaimer ist uns hierbei wichtig: Wir können und werden keine Aktionen verbieten. Ihr entscheidet weiter autonom als Lokalgruppen, welche Aktionen ihr durchführt oder nicht. Wir möchten lediglich an euch appellieren, bestimmte Dinge zu hinterfragen und zu verändern, denn das ist unsere Aufgabe als macht- und disriminierungskritische AG der Bewegung.

White Saviourism (weißes Retter*innentum)
Die Fotograf*innen sind meist weiß-europäische Fotograf*innen, die nach z.B. Moria (aber auch kolonisierte und imperialisierte Gebiete) reisen und dort Fotos machen. Fotodokumentation weißer Menschen in kolonisierten und imperialisierten Gebieten oder in Gebieten wie Moria geht meistens einher mit der Reproduktion von White Saviourism (weißes Retter*innentum). Schauen wir uns die Berichterstattung über diese Fotograf*innen an, reproduziert diese Berichterstattung dieses Narrativ: der*die Fotograf*in wird als rettendes, handelndes Subjekt, die Menschen, die er*sie fotografiert, als passive Objekte, gezeichnet. 
Der Beziehung des*der Fotograf*in als weiß-europäische Person mit den Menschen aus z.B. Moria wohnt zudem ein Macht- und Abhängigkeitsverhältnis inne. In einem solchen kann nicht von konsensualen Fotos gesprochen werden, besonders (aber nicht nur), wenn es sich um Fotos von Kindern handelt. Hier greifen (neben der rassistischen Komponente) einfach auch Persönlichkeitsrechte der Menschen in Moria. Es ist wichtig zu wissen, dass es sehr problematisch ist, Bilder von einer Person zu kaufen/nutzen, auf denen andere Menschen als die Person, von der die Bilder gekauft/genutzt werden, in Situationen abgebildet sind, in denen wohl keine Person gerne fotografiert werden würde. Hier besteht ein klarer Unterschied zu Bildern, die während beispielsweise eines bezahlten Fotoshootings entstanden sind, auf denen Menschen bewusst posieren und insgesamt einen Einfluss darauf haben, wie und in welchem Kontext das Foto entsteht und z.B. vertraglich abgesichert ist, wie die Bilder weiter verwendet werden. 
Wir sind so sehr gewohnt, BIPOC (Black, Indigenous People of Color; dt.: Schwarze, indigene Personen of Color) in solchen Situationen zu sehen, dass die Frage nach den Persönlichkeitsrechten dieser Personen von der Dominanzgesellschaft einfach vergessen wird. 

Retraumatisierung
Bitte bedenkt, dass die Ausstellung von Fotos aus Seneotrettungs-Kontext und/oder Lagern für betroffene Menschen potentiell retraumatisierend sein kann. 

Othering
Mit der Ausstellung von Leid richtet sich die Aktion ganz automatisch an eine bestimmte Zielgruppe und schließt eine andere aus. Es werden vor allem weiß-europäische Menschen erreicht. BIPoC (vor allem mit Fluchtbiografie), die durch diese Aktionen getriggert werden könnten und/oder keine Lust mehr auf Ausstellung von Leid von BIPoC haben, werden als potentielle Aktivisti/Besucher*innen unserer Aktionen ausgeschlossen. Damit wird die Vormachtstellung als weiße, rettende Subjekte in der Bewegung, die Aktivismus  für  Betroffene machen statt Betroffene zu unterstützen, aufrechterhalten. Es wird sogenanntes "Othering" (dt.: "andern"/ "zum*zur Anderen machen") betrieben, was eine rassistische Praxis ist (mehr dazu).

Oberflächlichkeit
Weiter möchten wir gerne die Frage öffnen, was solche Aktionen bringen, mehr als dass die Besucher*innen dieser Veranstaltungen ihr Gewissen entlasten, weil sie auf der Veranstaltung waren. Fotos wie die aus Moria sind gesamtgesellschaftlich durch Nachrichten und Social Media immer wieder zu sehen. Doch meistens entscheiden sich die Menschen trotzdem dafür, wie bisher weiterzuleben - der Status Quo bleibt unerschüttert. Durch derartige Ausstellungen entsteht eine Art Selbstbestätigung, im Sinne von "wie gut es uns hier doch geht". Dies führt nicht dazu, die eigene Position innerhalb der gesellschaftlichen Strukturen, welche zu Ungleichheiten und Diskriminierungen führen, zu hinterfragen, sondern verfestigt historisch bedingte, ungerechte Strukturen. Eine radikale Politisierung, die die Probleme bei den Wurzeln anpackt, ist von solchen Aktionen nicht zu erwarten.

Arbeit an sich selbst/ Weiterbildung/ radikale thematische Auseinandersetzung
Wir fänden es wichtig, zu den oben aufgeführten Themen und Analysen Aktionen zu planen. Dazu gehört, zu verstehen, wie die Zustände überhaupt strukturell entstanden sind. Mit der Reflexion muss bei sich selbst angefangen werden und eine tiefgehende, radikale Beschäftigung mit den Ungleichverhältnissen, in denen wir uns bewegen, muss stattfinden. Dieser kollektive Lernprozess eignet sich gut dazu, nach außen getragen werden. 

Empfehlung der AG

-> Wir würden von solchen Fotoausstellungen grundsätzlich abraten!

Wir bezweifeln, dass derartige Fotoausstellungen einen antirassistischen Effekt haben und uns in unserem Aktivismus weiterbringen. Wie aufgelistet, reproduzieren sie stattdessen Rassismus. Die Reproduktion von Rassismus ist niemals gerechtfertigt und wird niemals Rassismus abschaffen.
Wenn Fotoausstellungen trotzdem stattfinden sollen, ist es wichtig, dass die Bilder von Fotograf*innen mit Fluchtbiografie sind. Achtung: hierbei gilt trotzdem noch die Problematik mit den Persönlichkeitsrechten, wenn auf den Bildern Menschen zu erkennen sind. Weiter wäre es unserer Meinung nach notwendig, dass die (unter der kritischen Brille in Bezug auf Persönlichkeitsrechte und Urheber*in ausgewählten) Bilder nur einen kleinen Teil der Aktion einnehmen, während sich die Aktion hauptsächlich mit einer tiefgreifenden, radikalen Aufklärung über koloniale Kontinuitäten, und wie diese zu der Situation in z.B. Moria führen, befasst. Dies muss selbstverständlich mit einer intensiven Beschäftigung der Aktivisti selbst mit dem Thema einhergehen.

Es mag sich nach "was darf man denn noch machen, wenn schon sowas rassistisch sein soll" oder "ich habe absolut keine Ahnung, welche Aktionsformen überhaupt in Ordnung sind" anfühlen. Klar: Wenn diese Gedanken konsequent weitergedacht werden, schließt das einen Großteil der üblichen Seebrücke-Aktionen aus. Doch statt sich zu ärgern und handlungsunfähig zu fühlen, lasst uns daran denken, wie wir tiefgehendere und radikalere Aktionen planen und durchführen können. Für unser Ziel - eine antirassistische, menschenwürdige und solidarische Gesellschaft - ist dies unumgänglich!

Liebe Grüße,

Die Desintegrations-AG

Material

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